Brücken statt Gräben – Berlin braucht Räume der Solidarität

Die Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus und zu den Bezirksverordnetenversammlungen liegen hinter uns. Sie haben die politischen Kräfteverhältnisse in unserer Stadt deutlich verändert und zugleich Debatten verschärft, die Berlin schon lange beschäftigen.

Gerade in solchen Zeiten stellt sich die Frage, wie wir als vielfältige Stadtgesellschaft miteinander umgehen wollen.

Denn eine lebendige Demokratie braucht nicht nur unterschiedliche politische Positionen. Sie braucht auch die Bereitschaft, einander zuzuhören, Widersprüche auszuhalten und anzuerkennen, dass gesellschaftliche Wirklichkeit häufig nicht in ein einfaches „Entweder-oder“ passt.

Wenn diese Bereitschaft verloren geht, werden gesellschaftliche Debatten zunehmend von voneinander abgeschotteten Lagern bestimmt. Gemäßigte und differenzierende Stimmen geraten unter Druck, während zugespitzte Positionen immer stärker den öffentlichen Diskurs prägen.

Antisemitismus gehört zu den Herausforderungen, über die wir gerade deshalb reden müssen – klar, differenziert und ohne ihn für andere politische Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren.

Wer Antisemitismus glaubwürdig bekämpfen will, muss bereit sein, ihn auch dort zu erkennen und zu benennen, wo es für das eigene politische oder gesellschaftliche Umfeld unbequem wird.

Jüdisch. Queer. Berlin.

Dass ein anderer Umgang miteinander möglich ist, haben wir selbst erlebt.

Am 5. Juli veranstaltete das Bündnis gegen Antisemitismus Tempelhof-Schöneberg mit Unterstützung der Partnerschaft für Demokratie „Gemeinsam in Tempelhof-Schöneberg – Demokratie leben!“ in der AHA Berlin die Veranstaltung „Jüdisch. Queer. Berlin.“

Rund 70 Menschen kamen zusammen, um über die Situation queerer Jüdinnen und Juden in Berlin zu sprechen.

Nach einer Keynote von Nitzan Menagem, Vorständin von Keshet Deutschland e. V., diskutierten Nitzan Menagem, Rosa Jellinek, ehemalige Vorständin von Keshet Deutschland e. V., Malwina Miziarska, Co-Sprecherin der LAG queer und der LAG Shalom der Linken Berlin, sowie Sigmount Königsberg, Beauftragter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin gegen Antisemitismus.

Moderiert wurde die Veranstaltung von Klaus Lederer, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses und queerpolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke.

Im Mittelpunkt standen die Erfahrungen queerer Jüdinnen und Juden seit dem antisemitischen Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023.

Dabei wurden Widersprüche nicht ausgespart. Gesprochen wurde über rechtsextremen und islamistischen Antisemitismus ebenso wie über antisemitische Tendenzen innerhalb queerer Communities und in Teilen der politischen Linken. Diskutiert wurde auch die Auffassung, dass Antizionismus in Teilen der Linken zu einer kaum noch hinterfragten Selbstverständlichkeit und für manche sogar zu einem identitätsstiftenden Element geworden sei.

Gleichzeitig kam zur Sprache, dass queere Jüdinnen und Juden auch innerhalb von Teilen jüdischer Communities mit mangelnder Akzeptanz ihrer sexuellen oder geschlechtlichen Identität konfrontiert sein können.

Niemand musste diese Widersprüche verschweigen, damit ein Gespräch möglich wurde.

Vielleicht war genau das die wichtigste Erfahrung dieses Abends.

Menschen mit unterschiedlichen politischen Biografien, Erfahrungen und Auffassungen saßen miteinander auf einem Podium und im Publikum. Sie hörten einander zu. Sie widersprachen einander. Sie sprachen über Verletzungen, Antisemitismus, Ausgrenzung und unterschiedliche Wahrnehmungen – und blieben trotzdem miteinander im Gespräch.

Ein Dossier und die Frage, ob wir auch dort hinschauen, wo es unbequem wird

Die Veranstaltung hatte darüber hinaus ein bemerkenswertes Nachspiel.

Klaus Lederer machte an diesem Abend auf das von der Berliner Landesstelle für Gleichbehandlung – gegen Diskriminierung (LADS) beauftragte Dossier „Umfang, Verbreitung und Relevanz von Antisemitismus in queeren Szenen in Berlin“ aufmerksam.

Das Dossier beschäftigt sich mit einer Frage, die unmittelbar zu unserem Abend gehört: Wie gehen wir mit Antisemitismus um, wenn er in gesellschaftlichen Milieus auftritt, die sich selbst gegen Diskriminierung und Ausgrenzung engagieren?

Gerade dort zeigt sich, wie ernst es uns mit der Auseinandersetzung mit Antisemitismus ist. Es reicht nicht, Antisemitismus nur beim politischen Gegner zu erkennen. Eine glaubwürdige Auseinandersetzung beginnt dort, wo wir bereit sind, auch das eigene Umfeld kritisch zu betrachten.

Die Veröffentlichung und der Umgang mit dem Dossier führten anschließend zu einer öffentlichen Debatte. Das ist wichtig. Denn wissenschaftliche Erkenntnisse über Antisemitismus müssen diskutiert werden können – auch und gerade dann, wenn ihre Ergebnisse unbequem sind.

Davon braucht Berlin mehr

In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten immer häufiger in voneinander abgeschotteten Lagern stattfinden, war dieser Abend für uns deshalb weit mehr als eine einzelne Veranstaltung.

Er war ein Plädoyer für Solidarität.

Solidarität bedeutet nicht, Konflikte zu verschweigen. Sie bedeutet auch nicht, dass wir alle dieselben politischen Auffassungen haben müssen.

Solidarität beginnt dort, wo wir bereit sind, die Erfahrungen anderer ernst zu nehmen, Widerspruch auszuhalten und auch die eigenen Gewissheiten zu hinterfragen.

Gerade beim Kampf gegen Antisemitismus brauchen wir diese Haltung.

Antisemitismus darf weder relativiert werden, weil er aus dem eigenen politischen Umfeld kommt, noch darf er als Instrument dienen, um gesellschaftliche Gruppen gegeneinander auszuspielen.

Jüdische Menschen dürfen nicht zu Objekten politischer Auseinandersetzungen gemacht werden. Ihre unterschiedlichen Stimmen, Erfahrungen und Perspektiven müssen selbst gehört werden.

Die Berliner Wahlen haben gezeigt, wie stark sich die politische Landschaft unserer Stadt verändert hat. Was daraus politisch entsteht, wird sich zeigen.

Welche Stadtgesellschaft wir sein wollen, entscheiden wir dagegen jeden Tag aufs Neue.

Wir können gesellschaftliche Gräben weiter vertiefen. Oder wir können Räume schaffen, in denen Menschen einander begegnen, miteinander streiten und trotzdem füreinander einstehen.

Mit „Jüdisch. Queer. Berlin.“ haben wir erlebt, dass das möglich ist.

Berlin braucht mehr solcher Orte. Mehr Begegnung. Mehr Bereitschaft zuzuhören. Mehr Mut, auch schwierige Gespräche zu führen.

Nicht Ausgrenzung und Spaltung bringen unsere Stadt zusammen, sondern Solidarität.